Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer.

„Willst Du das wirklich so schreiben? Das ist irgendwie ganz schön harter Tobak…“

Ja. Wollte ich.

Denn es geht um etwas extrem Wichtiges. Um das Grundverständnis für unsere Gefühlswelt und mehr Verständnis für ihre Basis – unsere emotionale Herkunft.

Darum, warum Sie sind wie Sie sind, und warum Sie manchmal empfinden, was Sie empfinden.

Denn die Folgen des 2. Weltkrieges wirken auch heute immer noch in den Menschen nach – auch wenn es ihnen nicht unbedingt bewusst ist.

Das Miterleben des Krieges hat Ihre Großeltern (Eltern) geformt. Diese wiederum haben Ihre Eltern geformt. Und diese wiederum Sie.

Vieles – wenn zum Glück auch nicht alles – hat die Zeit überdauert. Das Verlangen von Gehorsam. Das schlichte Funktionieren im Alltag. Ein schlechter bis nicht vorhandener Zugang zur eigenen Gefühlswelt (für mich in diesem Zusammenhang der wichtigste Punkt).

Ich erlebe immer wieder Menschen, die mehr oder weniger direkt mit dem Finger auf ihre Eltern zeigen und sagen „Wenn meine Eltern da und da anders gewesen, wäre ich ganz anders. Wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Würde es mir heute besser gehen.“.

Mag sein.

Aber – und genau darum dreht sich dieser Text – Ihre Eltern konnten in vielerlei Hinsicht gar nicht anders handeln. Konnten nicht anders mit Ihnen umgehen, weil sie das Beste getan haben, zu dem sie in der Lage waren.

Sie lieben Sie, haben Sie immer geliebt und werden Sie immer lieben – selbst wenn sie es Ihnen nicht so zeigen konnten, wie Sie es gebraucht hätten, um Ihr volles Potential zur Blüte zu bringen.

Aber damit Sie besser verstehen können, was ich meine, müssen wir einen kurzen Blick zurück in die Vergangenheit werfen:

Der 2. Weltkrieg hat die Menschen vieler Nationen extrem leiden lassen. Millionen fielen ihm zum Opfer.

Juden. Deutsche. Engländer. Franzosen. Russen. Amerikaner – und viele andere mehr.

In den beteiligten Ländern wurden zahlreiche Städte zerstört. Ganze Landstriche verwüstet.

Überall unsagbares Leid. Unsagbarer Schmerz.

Irgendwann war der Schrecken endlich vorbei.

Die Städte wurden wieder aufgebaut. Die Industrie wurde wieder aufgebaut. Deutschland wurde ent-nazifiziert.

Aber was war mit dem Wiederaufbau der Menschen? Mit den Frauen, die vergewaltigt wurden (womöglich von mehreren Männern nacheinander)? Deren Männer und Söhne nicht aus dem Krieg wiederkamen?

Wie ging es den Männern, die andere Menschen im Krieg getötet hatten? Die mit ansehen mussten, wie ihre Kameraden neben ihnen auf dem Schlachtfeld starben? Die in Kriegsgefangenschaft gerieten, in Arbeitslager kamen und erst nach Jahren wieder freigelassen wurden?

Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Wieviel Schmerz – ohne sich zu verlieren?

Wie konnten all diese Menschen nach dem Krieg weiterleben? Vor allem emotional ÜBERleben, nachdem sie so viele unvorstellbare Grausamkeiten erlebt hatten?

Ganz einfach: Indem sie zumachten. Sich verschlossen.

Sie mussten das einfach tun, weil sie andernfalls an ihren Erlebnissen zugrunde gegangen wären. Sie daran zerbrochen wären.

Diese Kriegsgeneration hatte daher – kurz gesagt – nur wenig Raum dafür, Emotionen zuzulassen.

Angst, Hunger, Entbehrungen jeglicher Art waren an der Tagesordnung.

Hinzu kam schon vor Kriegsausbruch der von den Nationalsozialisten stark eingefärbte Alltag.

In der Schule herrschten Zucht und Ordnung. Nachmittags wurden die Jungen in der Hitlerjugend weitergedrillt und die Mädchen mussten sich den Ideologien des Bundes Deutscher Mädel unterordnen.

Machte man da nicht mit oder äußerte sich regimekritisch, drohte einem Ausgrenzung, später Folter und sogar der Tod.

Frage an Sie: Wie lebt es sich in so einer Zeit? Wie mögen diese Zustände Ihre Großeltern/Eltern beeinflusst haben?

Glauben Sie, dass sie damals eine gute Zeit hatten? Dass sie voller Freude, Liebe und Mitgefühl für andere durch´s Leben gingen?

Wohl eher nicht.

Diese Kriegsgeneration hat dann ihrerseits Kinder bekommen – die sogenannte  Nachkriegsgeneration.

Was glauben Sie mit wieviel emotionaler Wärme und Mitgefühl die Kriegsgeneration ihre Kinder aufgezogen hat? Aufziehen konnte? (Es geht mir hier um die große Masse, nicht um die Ausnahmen von der Regel.)

Mit den Kriegserfahrungen im Gepäck waren die jetzigen Eltern auf die Versorgung der Grundbedürfnisse ihrer Kinder ausgerichtet: Essen, Kleidung, ein heiles Dach über dem Kopf.

Gefühle waren zweitrangig (wenn überhaupt). Und konnten auch gefährlich werden.

Denn sich den eigenen Kindern zu öffnen, hätte auch bedeutet, sich den eigenen erlebten Traumata zu öffnen. Und genau das konnten verständlicherweise viele Menschen eben nicht.

Und dafür kann man ihnen meiner Meinung nach keinen Vorwurf machen.

Gleichzeitig ist eine Erklärung dafür, warum viele Menschen der Nachkriegsgeneration mit zu wenig emotionaler Wärme aufgewachsen sind. Und warum sie heute – immer noch – einen schlechten bis gar keinen Zugang zu ihren Gefühlen haben.

Warum sie vielleicht „emotional unterernährt“ sind.

Und genau aus diesem emotionalen Mangel heraus führen auch heute noch viele Menschen kein besonders glückliches Leben. Sie gehen wenig liebevolle Beziehungen ein, sie essen zu viel, kaufen zu viel oder machen tausend andere Dinge, weil sie die Wärme in ihrem Leben vermissen.

Weil sie intuitiv merken, ihnen fehlt etwas, und das müssen sie ausgleichen. Da sie nicht wissen, was es ist, suchen sich einen Ersatz.

Im Zweifel erleben sie damit nur erneut die alten Gefühle, die sie als Kinder schon erlebt haben. Das ist zwar nicht schön, aber wenigstens vertraut.

Aber man kann auch das Gegenteil beobachten: Eltern, die symbiotisch mit ihren Kindern verbunden sind. Die ihre Kinder festhalten, um aus dieser Beziehung die Wärme zu ziehen, die ihnen in der Beziehung zu ihren eigenen Eltern gefehlt hat.

Aber auch diese Menschen führen letztendlich kein glückliches Leben, sondern machen damit – auch wenn sie es eigentlich gar nicht wollen – ihren eigenen Kindern das Leben schwer.

Die gute Nachricht ist: Man kann diesen Mangel beheben. Sie können diesen Mangel beheben (sofern es denn auf Sie zutrifft und Sie sich diesen Mangel bewusst machen). Heute. Im Hier und Jetzt.

Aber Sie müssen dazu bereit sein, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Am besten mit jemandem, der Sie dabei begleitet.

Der Ihnen hilft, vielleicht mal gedanklich in die Schuhe Ihrer Eltern zu schlüpfen.

Denn wenn Sie die Welt einmal durch die Augen Ihrer Eltern betrachten – vor allem aus deren Kinderaugen – wird sich das Bild, das Sie von ihnen haben, stark verändern. Wird sich Ihr Gefühl ihnen gegenüber stark verändern.

Aus Vorwürfen wird Mitgefühl. Aus Groll Liebe.

Sie werden merken, wie Sie fast von selbst Ihren Eltern Dinge vergeben können, an denen Sie schon viele Jahre festgehalten haben. Zu viele Jahre festgehalten haben.

Und wenn Sie diese Gefühle und die damit verbundene Wärme erst für Ihre Eltern empfinden, werden Sie sie auch weiter auf Ihr eigenes Leben ausdehnen können.

Dann werden Sie wieder ein Stück mehr, das strahlende Wesen, dass Sie jetzt schon tief in Ihrem Inneren sind.

Machen Sie sich auf den Weg und lösen Sie endlich die Knoten der Vergangenheit. Trauen Sie sich. Sie verdienen es, glücklich zu sein.

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